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„Abfälle existieren nicht.“

Dieser Überzeugung war Friedensreich Hundertwasser. Nach dem Großbrand der Spittelau 1987 wurde er mit der Neugestaltung der Müllverbrennungsanlage Spittelau beauftragt. Dieses Jahr feiert das Wiener Wahrzeichen sein 50-jähriges Jubiläum. Georg Baresch führt jährlich über 10.000 Menschen durch das internationale Vorbild für umweltgerechte Abfallbehandlung und Fernwärmeproduktion. Vor Begeisterung glühend erzählt er uns mehr über das kunstvoll gestaltete Gebäude und sein besonderes Innenleben.

Wie hoch ist der Anteil der Müllverbrennungs-Energie an der gesamten Wiener Fernwärme? Und wie wird die restliche Fernwärme erzeugt?

Im Frühjahr, Sommer und im Herbst können wir annähernd den gesamten Fernwärmebedarf aus den Müllverbrennungen decken. In diesen Jahreszeiten brauchen wir das Wasser hauptsächlich zum Duschen, zum Waschen von Geschirr und Kleidung. Wenn es frostig wird und wir anfangen einzuheizen, haben wir im Winter einen erhöhten Bedarf. In der kalten Jahreszeit kommt rund ein Drittel der Energie aus den Müllverbrennungen. Der Rest kommt aus unseren Kraftwerken und zu einem Teil aus Abwärme, Großwärmepumpe und Biomasse. Zu den Kraftwerken gehören zum einen das Kraftwerk in Wien-Donaustadt und zum anderen – noch viel größer – das Kraftwerk Simmering. Neben dem Bedürfnis einzuheizen, kommt im Winter auch zu tragen, dass wir aufgrund des niedrigeren Wasserstandes aus den Donaukraftwerken weniger Strom generieren können. Das Kraftwerk Simmering allein kann für 40 Prozent der Bevölkerung Wiens Strom erzeugen und als Nebenprodukt haben wir dann auch noch heißes Wasser. Das wurde in früheren Zeiten in den Donaukanal und in die Donau abgeleitet. Es ist uns dann aber gelungen, in diese Kraftwerke ein neues Teil einzubauen – eben diese Kraft-Wärme-Kopplung – womit es möglich ist, sowohl das heiße Wasser für die Fernwärme als auch den Strom nutzen zu können. Dadurch können wir den Wirkungsgrad von 51 auf 86 Prozent erhöhen.

Da sind wir schon beim Thema der nächsten Frage: Wie kann man sich Innovationen in diesem Bereich vorstellen? Filter? Effizientere Energiegewinnung? Oder ganz etwas anderes?

Bei der Generalsanierung 2012 bis 2015 haben wir auf viele neue Technologien gesetzt. Dank der neuen Kessel arbeitet die Anlage also noch effizienter und umweltfreundlicher.

Eine weitere Innovation ist der E-Heizer. Wir bauen momentan am Gelände der Spittelau, wo wir einen alten Öltank hatten, einen E-Heizer. Das heißt, wann immer wir zu viel Strom produzieren, wird dieser Strom künftig in heißes Wasser für die Fernwärme umgewandelt. So können wir die Energie speichern und sie dann einsetzen, wenn wir sie brauchen. Denn unser Bedarf an Energie ist nicht zu jeder Tageszeit derselbe: In der Früh und am Abend brauchen wir sehr viel Strom. Wenn wir aufstehen, machen wir uns erst einmal einen Kaffee, gehen duschen und so weiter. Diesen Nachfragefluktuationen versuchen wir mit der Speicherung und mit der Umwandlungen der Energieformen besser anzupassen. Das zu optimieren ist auch wichtig, um mittelfristig aus dem Gas auszusteigen.
Bei den Führungen merke ich auch immer wieder die Begeisterung der Teilnehmenden dafür, wie minimal die Geruchsbelästigung unserer Müllverbrennungsanlage ist. Wir arbeiten hier sehr sauber. Wir saugen die Luft aus dem Bunker ab. Wir bekommen auch neue Rolltore, die rasch auf und zu gehen. Es ist wichtig, dass wir die Geruchsbelästigung so gering wie möglich halten, weil wir hier mitten in der Stadt sind und hier viele Menschen wohnen, arbeiten und studieren.
Wir haben die Generalsanierung auch dazu genutzt den Elektro-Filter durch einen Gewebefilter auszutauschen. Warum? Weil der auch die Feinstaubproblematik besser behandeln kann und die Emissionssituation verbessert. Der Gewebefilter holt wesentlich mehr Feinstaub raus. Die letzten Monate haben uns gezeigt, dass es wichtig ist, auf die eigene Gesundheit zu achten – insbesondere die unserer Atemwege und Lungen. In der Hinsicht ist es also nicht nur umwelt- sondern auch gesundheitsfördernd, dass wir den modernsten Filter der Welt haben.

Wie entsteht den dieser Feinstaub?

Wenn ich Müll verbrenne, bleibt etwas über, eine Schlacke. Das ist der feste Rückstoff der Verbrennung. Über den Gewebefilter habe ich Asche. Diese Asche muss ich verarbeiten. Die wird mit Wasser und Zement zu dieser Schlacke gemischt, zum Schlackenbeton. Der wird auf der Deponie abgelagert. Derzeit wird behördlich geprüft, ob wir das in Zukunft als Untergrundbaumaterial für Straßen verwenden dürfen – wodurch wir die Lagerkosten für dieses Material einsparen könnten.

Stellt die konsequente Mülltrennung die Restmüllverbrennung und Energiegewinnung vor Probleme?

Im Sinne des Umweltschutzes gibt es drei Säulen der Abfallbehandlung: Ganz oben steht die Abfallvermeidung, dann das Recycling und erst dann die Verwertung in der Müllverbrennung. Plastikflaschen und Getränkekartons haben in den Müllverbrennungsanlagen nichts zu suchen. Mit dem Einwegpfand für Plastikflaschen und Dosen, das ab 2025 kommt, werden weniger Einweggetränkeverpackungen im Restmüll landen. Denn dieses System ermöglicht es Menschen diese Verpackungen aus Plastik und Metall zurück in die Geschäfte zu bringen und dafür das Pfand zurückzubekommen. Diese Plastikflaschen und Dosen werden dann recycelt. Das heißt, dass der Brennwert des Mülls im Vergleich zu heute etwas sinken wird. Für unsere Anlagen und die Energiegewinnung ist das aber kein Problem.

Gibt es in den kommenden 20-30 Jahren neue Verwendungen für die Müllverbrennung?

Den Großteil der Energie, die im Müll steckt, verwenden wir bereits. Selbst den Wasserdampf, der dabei entsteht. Wir versuchen jetzt noch die Restenergie im Form vom Rauchgas, das mit 130°C beim Kamin rauskommt, zu nutzen. Allerdings müssen wir hier vorsichtig sein, denn wenn das Rauchgas zu kalt wird, dann kondensiert es im Hochkamin. Das verursacht Verunreinigungen und führt letztendlich dazu, dass der Kamin öfter saniert werden muss. Das macht den Prozess wieder teurer. Es ist also ein stetes Abwägen in wie weit die Energie, die im Müll steckt, komplett rausgeholt werden kann. Den Großteil haben wir schon. Bei den letzten Prozent ist es wichtig darauf zu achten, dass am Ende nicht mehr Schaden als Gewinn entsteht. Wir haben viele junge Leute in innovativen Abteilungen, die daran forschen, den Raum des Machbaren zu erhöhen.

Welche Anekdote muss im Zusammenhang mit der Müllverbrennungsanlage Spittelau unbedingt erzählt werden?

1987 gab es in der Müllverbrennungsanlage Spittelau einen Großbrand. Für den Wiederaufbau wurde beschlossen, dass diese kein Industriemonument, sondern den Bürgern freundlich begegnen solle. Die naturnahe Neugestaltung übernahm der Künstler, Umweltschützer und Naturfreund Friedensreich Hundertwasser. Gemäß seiner idealistischen Einstellung machte er das sogar kostenlos. Allerdings unter der Bedingung, dass mit der Wiederinbetriebnahme der thermischen Abfallbehandlungsanlage am Donaukanal ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Wiener Luft und zur Vernichtung der Schadstoffe im Abfall geleistet wird. Beginnend mit dem Jahr 1988 bis zur Übergabe im Jahr 1992 schuf Hundertwasser aus dem grauen und nüchternen Zweckbau ein fröhliches Gebäude im Einklang mit Natur und Mensch. Aus den Jahren dieser besonderen Zusammenarbeit gibt es spannende Schwänke.
Da es in der Spittelau zu den Stoßzeiten in der Früh und zu Mittag bei den Toiletten zu Wartezeiten gekommen ist, hat der Meister Hundertwasser am Müllbunkervorplatz eine WC-Anlage für die Fahrerinnen und Fahrer der Müllsammelfahrzeuge errichten lassen. Bei einer Baustellenbesichtigung haben die Handwerker gerade die Fliesen verlegt und wollten einen eckigen Spiegel einheben. Als Hundertwasser das sah, wurde er fuchsteufelswild. Er nahm einen Hammer und zerschlug den Spiegel. Dieser musste oval gemacht werden und wurde gebrochen eingebaut. Denn Hundertwasser hat immer gesagt: „Die gerade Linie ist gottlos.“ Alles, was er gestaltet hat, ist nicht gerade. Auch beim Hundertwasser-Pfad, der in der Spittelau errichtet wurde, wurden die Maler dazu angehalten, keine geraden Linien zu ziehen. Das sieht sehr lustig aus.
Diese WC-Anlage ist auch Teil der Führungen. Wo wir noch nicht Halt machen, was aber beim neuen Hundertwasserpfad ein Fotopoint wird, ist die Hundertwasser-Kappe. Am Dach der Spittelau ist die Kappe des Meisters. Warum? Bei einer Besprechung über die Neugestaltung der Müllverbrennungsanlage wurde überlegt, wie die hässliche Lüftung am Dach der Spittelau schöner gemacht werden könnte. Nach einiger Zeit hat der Meister Hundertwasser die Geduld verloren und gesagt: „Ich will nicht mehr diskutieren. Wir diskutieren um des Kaisers Bart. Ich hau‘ den Hut drauf.“ Und ist gegangen. Die Kollegen haben nachgedacht: „Wir hauen den Hut drauf. Wir werden seine Kappe, die er selbst getragen hat, und die er – wie die meisten seiner Kleidungsstücke selbst genäht hat – auf drei bis vier Meter vergrößern und sie über diese reizlose Lüftung stülpen.“ Hundertwasser soll von diesem Entschluss nichts gewusst haben. Als er bei einer Baustellenbesichtigung seine Kappe auf dem Dach gesehen hat, hat er sich sehr gefreut.

 

Seit nunmehr 50 Jahren gibt es die Müllverbrennungsanlage Spittelau und seit damals brennt sie unermüdlich Feuer und Flamme für den Klimaschutz. Besuchen Sie die Jubilarin und lernen Sie das beeindruckendes Kunstwerk und internationale Vorbild für umweltgerechte Abfallbehandlung und Fernwärmeproduktion in einer Führung näher kennen.

Im Innenbereich können Sie durch den Glasboden der Steuerkanzel tief hinunter in den riesigen Müllbunker schauen und einen exklusiven Blick in die Schaltzentrale, wo die gesamte Müllverbrennungsanlage gesteuert wird, werfen. Beim Rundgang erfahren Sie Wissenswertes über Öko-Architekt Hundertwasser und das Wiener Abfall- und Recycling-System.

Im Außenbereich erfahren Sie mehr über „Meister“ Hundertwassers Beweggründe die Müllverbrennungsanlage zu gestalten, wie sich Technik, Kunst, Natur und Mensch in Einklang bringen lassen und was die besonderen Merkmale der Energieversorgung Wiens sind.

In der Müllverwertungsanlage Spittelau entsteht nicht nur Fernwärme, sondern auch umweltfreundliche Kälte. Dafür wurde Wien Energie mit dem Umweltpreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Wie aus Wärme klimafreundliche Kälte wird, erfahren Sie in der Fernkälte-Tour.

Alle Führungen sind kostenlos und auch als exklusive virtuelle Tour verfügbar:

Eigentlich ist es eine goldene Zwiebel – aber was ist darin? Ein Restaurant? Die Steuerzentrale von Wien Energie? Für einen kleinen Vorgeschmack auf die spannenden Geschichten, die sie auf diesen kleinen Reisen erwartet, lüftet dieses Video das Geheimnis, was sich in der goldenen Spittelaukugel befindet.

Müllverbrennungsanlage Spittelau       
Spittelauer Lände 45     
1090 Wien        
tour@nullwienenergie.at

Anreise1
U-Bahn-Linien U4 oder U6,        
Straßenbahnlinien D,   
Autobuslinien 35A und 37A

 

Fotos: Wien Energie/Ludwig Schedl

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