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Wien er-fahren:
Ein Tag, ein Rad, ein Bericht.

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Von Purkersdorf bis Deutsch Wagram und vom Kuchelauer Hafen bis in die Lobau: Das Wiener Radwegnetz durchzieht die Stadt auf einer Länge von 1.350 Kilometern. Aber Radweg ist nicht Radweg, denn 53% der Gesamtlänge sind sogenannte Radrouten – also verkehrsberuhigte Bereiche, Wohnstraßen, Fußgängerzonen, Fahrstraßen und geöffnete Busspuren. 26% entfallen auf markierte Bereiche (Radfahrstreifen, Mehrzweckstreifen und Radfahren gegen die Einbahn) – und 20% auf baulich getrennte Radwege und Rad-Gehwege. Damit liegt Wien in Österreich weit voran – und ist auch europaweit unter den beliebtesten Fahrradstädten zu finden. 79% aller täglich radelnden Wiener sind mit der Situation zufrieden – und finden sogar, dass sie sich in den letzten Jahren verbessert hat. Eine Aussage, die wir von FAIRliving überprüfen wollen. Wir haben einen unserer Redakteure mit Fahrrad, Digitalkamera und Notizblock ausgestattet – und ihn für einen Tag in das Radwegnetz Wiens geschickt. Seine Aufgabe war herauszufinden, wie es ist, sich auf Wiens Radwegen zu bewegen, wie sich die Rushhour im Radverkehr anfühlt, wo es sich besonders schön radelt, welche Rad-Superhighways durch Wien führen und wie das Zusammenspiel von Auto- und Radfahrern funktioniert. Lesen Sie hier seinen Bericht:

Das Rad bekommt heute viele Funktionen: Es wird zum Verkehrsmittel am Weg in die Arbeit, es wird ein Sportgerät und ein Freizeitvehikel, um schnell aus der Stadt rauszukommen. Am besten also, man behandelt es gut – und das beginnt schon mit dem passenden Reifendruck und dem Ölen der Kette. Neben Digitalkamera, Notizblock, Wienplan, Wasserflasche und Energieriegel sind auch Pumpe, Ersatzschlauch, Mantelheber und ein Werkzeugset mit im Rucksack. Es kann also losgehen.

Zuerst möchte ich einen alltäglichen Weg in die Arbeit simulieren – und wähle dafür eine Radroute von Michelbeuern über die Mariahilferstraße in die Praterstraße und zum Schwedenplatz. Um 7:45 sind noch nicht allzu viele Radfahrer am Rad-Superhighway entlang des Gürtels unterwegs. Entspannt rolle ich zur Hernalser Hauptstraße hinunter, während neben mir der Morgenverkehr vorbeidonnert. Das Verhältnis Autos und Radfahrer dürfte ca. 1:100 betragen. Solange sich der Autoverkehr parallel zum Radweg bewegt, gar kein Problem. Es sind die Abbieger, die mich nun massiv zu beschäftigen beginnen – und sie sind das Hauptthema aller Radfahrer im urbanen Raum.

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Knapp nach dreiviertel Acht: Noch tummeln sich wenige Fahrradfahrer am Gürtelradweg …

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… ganz im Gegensatz zu den Autos. Solange die Abbieger den Weg nicht versperren ist das allerdings kein Problem.

 

Die Straßenreinigung (in Wien auch Kehr-Force genannt) nutzt den noch schwachen Radverkehr, um den Radweg zu reinigen. Der Straßenkehrer, an dem ich vorbeifahre, dreht sich unerwartet schwungvoll um und erwischt mich fast mit dem Stiel seines Besens. „Öha, aufpassen!“ ruft er. „Öha, selber aufpassen“, antworte ich und wir lachen. Wer als Radler im Wiener Stadtdschungel auf Dauer bestehen möchte, kommt mit Aggression und Beschimpfungen nicht weit. Am besten ist immer noch ein bisschen Schmäh geeignet, haarige Situationen anzusprechen und zu befrieden. Ein Rat, den man wirklich jedem mit auf den Radweg geben kann.

Erstaunlich und erfreulich passiv verhalten sich die abbiegenden Autofahrer beim Westbahnhof gegenüber dem mittlerweile angewachsenen Radfahrerstrom. Manche Radfahrer bedenken die Aufmerksamkeit mit einer freundlichen Geste – manchen fällt es gar nicht auf. Von Rechtswegen her haben natürlich Radfahrer auf den Radübergängen Vorrang. Dennoch: Danke!

In der Radkolonne geht es nun in die verkehrsberuhigte Mariahilferstraße, die um 8:15 alles ist – nur nicht verkehrsberuhigt. Man schlängelt sich zwischen Autos, Lieferwagen, Bussen und Passanten durch – kommt aber zwischendurch auch zum Fahren. Ruhiges, abschätzbares Fahrverhalten und niedriges Tempo sind hier der Schlüssel zum Erfolg – erstaunlich, dass manche Radfahrer davon partout nichts wissen wollen und in die Pedale treten als gings um den Sieg im Stadtkriterium. Aber generell fährt sich die Mariahilferstraße trotz hohem Mischverkehraufkommen ganz gut. Zügig erreiche ich die nächste Rad-Hauptverkehrsroute, den Ring-Radweg, den ich in Richtung Urania einschlage.

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Mit dem Bus legt sich kein Fahrradfahrer an: Gerne überlässt man ihm die Vorfahrt – eine eigene Ampel weist in der Mariahilferstraße auch darauf hin.

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Autos, Straßenbahnschienen, Fußgeher, Radfahrer, Rindersteaks: Solange genug Platz für alle da ist, ist der Morgenverkehr beim Parkring richtig entspannend.

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Ein früher, außertourlicher Abstecher in die Prater Hauptallee: Noch kann man hier Geschwindigkeitsrekorde aufstellen. Abends schaut die Sache anders aus.

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Radstreifen, Zebrastreifen und Abbieger auf der Radroute zum Schottentor: Passives Fahren wirkt hier gesundheitsfördernd.

 

Trotz vieler Radfahrer, Touristen und querenden Autos funktioniert das Vorwärtskommen. Entscheidend für den Radfahrer ist, mit den abbiegenden Autofahrern Augenkontakt aufzunehmen – gelingt dies nicht, sollte sicherheitshalber der Griff zur Bremse erfolgen. Beherzigt man die Regel, kommt man auch in der Rushhour sicher durch die Innenstadt. Am Radweg beim Schwedenplatz überleg ich, eine Radroute quer durch den ersten Bezirk auszuprobieren. In den Einbahnen, die ich gegen die Fahrtrichtung nehmen darf, wird es nun streckenweise wirklich eng mit den Lieferwägen und den einbiegenden Autos. Viele Autofahrer sind den herannahenden Radfahrer einfach nicht gewohnt und sind überrascht, wenn er plötzlich wie aus dem Nichts vor ihnen steht. Am Schottentor geht es nun in einem Pulk von Radfahrern wieder hinunter zum Donaukanal. Beim Ringturm beschließe ich, in der Arbeit angekommen zu sein. Erstes Fazit: Das Rad ist definitiv ein gutes alltägliches Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen – vorausgesetzt, man hat immer einen Blick auf die Autofahrer, wählt ein angemessenes Tempo und verzichtet auf Pedale mit Clips.

 

 

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Manchmal ist es erlaubt, gegen die Einbahn zu fahren. Ob es immer klug ist, steht auf einem anderen Blatt.

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Lockeres Abwärtsrollen zum Schottenring: Ein innerstädtischer Radweg, wie er im Buche steht.

 

 

Nun wirds ein bisschen sportlicher: Ab der Friedensbrücke geht es entlang des Radweges nach Norden, vorbei an der Spittelau zum Kuchelauer Hafen. Sofort stellt sich Freitzeit- und Urlaubsstimmung ein. Das liegt wohl an den ausschwirrenden Rennradfahrern und den in der Gegenrichtung eintrudelnden Gruppen, die entlang des Donauradweges kommen – und in Wien Station machen oder weiter nach Bratislava fahren. Beim berühmten Donau-Fritzi, einem Radgeschäft, das auch gerne Pannen vor Ort behebt, wende ich und steuere die Nordbrücke an. Mal sehen, was die Radwege über der Donau hergeben. Die Katsushika- und Angyalföldstraße entlang erreiche ich bequem, gefahrlos und völlig stressfrei das Donauzentrum. Allein der eine oder andere Höhenmeter bei Straßenüberführungen und der allmählich stärker wehende Gegenwind stellen eine Herausforderung dar.

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Mit ein wenig Kleingeld lässt sich die Panne auch außerhalb der Geschäftszeiten beheben. Sehr hilfreich, das Fahrradgeschäft bei der Spittelau.

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Kuchelauer Hafen: das Nordende des Rad-Superhighways am Donaukanal. Wer möchte, kann hier das Verkehrsmittel wechseln und zum Schwarzen Meer fahren.

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Der Donau-Fritzi ist legendär. Geduldig hilft er den Radtouristen, die von Passau kommen. Ganz neu: „Donau-Fritzi“ gibts hier neben dem „Käptn Otto“ auch als Gasthaus mit Gastgarten.

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Futuristische Anmutung,  praktische Donau-Querung: Über die Fahrrad-Nordbrücke gehts nach Transdanubien .

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Von der Shopping City Nord nach Kagran: Man radelt gegen den Wind und findet dabei den Grünstreifen links wohltuend.

 

 

Es ist Mittag geworden, als ich an der Uni City vorbei die Donauplatte erreiche und langsam zwischen den Wolkenkratzern herumkreise. Zu langsam! Mit dem linken Fuß am Pedalclip verankert, kippt das Rad nach links und im Zeitlupentempo stürze ich und krache auf den Boden – direkt vor dem mittäglich vollbesetzten Gastgarten einer Bäckerei. Die Asphaltprobe gelingt – zumindest aus Asphalt-Sicht – er bleibt schön hart und unbeschädigt. Als ich wieder aufstehe, bekomme ich Szenenapplaus. Dankeschön, immer wieder gerne!
Und nun? Erstmal einen Schluck aus der Wasserflasche und dann nehme ich den Radweg unter der Reichsbrücke zurück in die Stadt.

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Ausweispflicht herrscht beim Pförtner der Uno-City. Dafür stellen sich auch Mountainbiker in die Wartekolonne.

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Blick zurück auf die Donauplatte und den DC Tower 1. Schwungvoll gehts zurück in die Stadt.

 

 

Ich möchte nun eine andere wichtige Radroute ins Grüne ausprobieren – eine in Richtung Süden. Entlang der Erdbergerlände, dem Donaukanal, vorbei an Parkanlagen, dem Hundertwasser-Haus und dem Zubringer zur Ostautobahn, erreiche ich den Alberner Hafen. Die beeindruckenden Speichergebäude werden dort nur von einer einzigen Sache in den Schatten gestellt: der Hafenkneipe. Wem das Ambiente nicht zu rau ist (eine Hafenkneipe ist eben nun mal eine Hafenkneipe – auch in Wien-Albern) kann hier gut rasten und die weitere Route planen.

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Am Damm zur Speicherstadt beim Alberner Hafen: Der Radweg ist noch so neu, dass man fast im Asphalt stecken bleibt.

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Schaut aus wie ein kleines Containerdorf – ist aber Wiens einzig echte Hafenkneipe: der Alberner Hafen ist nicht nur deswegen einen Besuch wert.

 

 

Nachdem die Innenstadt, der Norden, Osten und Süden erledigt sind, fehlt eigentlich nur mehr ein Abstecher in den Westen von Wien. Mit etwas Heimweh und Rückenwind als Zusatzantrieb erreiche ich schnell den Karlsplatz und orientiere mich Richtung Naschmarkt. Sofort überfällt mich wieder das Gefühl von heute morgen: enge Radstreifen, erlaubte Fahrten gegen die Einbahn, überraschte Autofahrer, voraussschauendes Fahren, Augenkontakt und höchste Konzentration – wie zum Beispiel in der schönen aber auch schön schmalen Schleifmühlgasse. Etwas Entspannung stellt sich ein, als ich dem Wiental entgegen radle. Verführerisch im Schatten liegt der Gastgarten vom Cafe Rüdigerhof – und der Kellner winkt mir auch und fordert mich auf, Gast zu werden. Aber heute nicht. Die Arbeit ruft – und die Recherche, die mich an Gaudenzdorfer Gstätten vorbei führt – immer näher dem neuen Herzstück des Wiener Radwegnetzes entgegen: dem Wienfluss-Radweg. Ab Hietzing führt der Radweg direkt entlang des Wassers – und hier wurde ein echtes Paradies für alle Radsportler geschaffen, das erst weit im Westen, beim Rückhaltebecken Auhof endet.

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Rita bringts heute nicht. Aber dafür nutzt ihr Kollege diese umweltfreundliche, urbane Transportalternative.

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Die Radzählstelle am Karlsplatz. Achtung, Radfahrer, beim Einmünden in die Operngasse: Hier erwarten die Linksabbieger definitiv kein Rad von hinten.

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Der Radstreifen in der Schleifmühlgasse: Gut gemeint – aber eine echte Herausforderung für Auto- und Radfahrer.

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Idyllisch, verträumt und schattig liegt er da, der Gastgarten vom Rüdigerhof. Ein sehnsüchtiger Blick nach links – und dann gehts am parallel geführten Wiental-Radweg weiter.

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Der Wienfluss ohne Radweg …

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… und ab Hietzing mit Radweg: Beides ausprobiert, kein Vergleich!

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Ein echter Gentleman der Radstraße.

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Ein paar Meter weiter versperrt der Radtransporter den Radweg. Dafür kann der geneigte Radfahrer ein gewisses Verständnis aufbringen.

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In der Lidlgasse rauscht normalerweise der Autoverkehr vierspurig. LKWs queren sogar aus der Fassade heraus. Aber nicht mehr lange, denn hier entsteht in Kürze ein neuer Radweg, der Hernals mit Währing verbinden wird.

 

 

Für mich allerdings endet der Ausflug noch nicht, ich möchte die relativ neue Radroute von der Kendlergasse nach Hernals noch ausprobieren. Am Weg dorthin verlasse ich erstmals das Radwegnetz und quäle mich ein Stück der Hütteldorferstraße entlang. Zwischen LKWs, Straßenbahnschienen und parkenden Autos wird die Strecke zum Spießrutenlauf – und ich sehne mich schon nach dem rettenden Radweg. Zur Thaliastraße hinunter zu rollen ist dagegen ein einziger Genuss – wie auch die schöne und ruhige Radroute entlang der Vorortelinie S45.

Am Gürtelradweg in Michelbeuern endet abends die Tour, wo sie in der Früh begonnen hat. Das Rad – einmal bockig, sonst brav – kommt in den Radkeller und ich beginne mit dem Resümee: Alltagsradeln im Wiener Radnetz ist zu empfehlen, sofern man sich passiv verhält, konzentriert bleibt und respektvoll mit Autofahrern und Fußgängern umgeht (im Gegenzug möchte man natürlich auch fair behandelt werden). Die Rad-Superhighways in alle Windrichtungen und um den Ring sind perfekt, um in die Stadt und aus ihr raus zu kommen. Und für sportlich ambitionierte Radfahrer haben die 1.350 Kilometer Radweg in Wien wirklich einiges zu bieten.
Fazit: 79% sind mit dem Angebot für Radfahrer in Wien zufrieden. Ich auch!

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