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Alles Leinwand.
Wie das Kino nach Wien kam. Und was dann geschah.

Genau genommen begann die Geschichte des Kinos schon 1832. Der Tiroler Mathematiker und Naturforscher Simon Stampfer erfand in diesem Jahr ein gar wundersames Gerät: eine stroboskopische Scheibe, auf der man durch ein Guckloch Bilder beobachten konnte, die sich
zu bewegen schienen. Er hatte über dieses Phänomen beim britischen Physiker Michael Faraday gelesen und sich näher damit beschäftigt. Stampfer erhielt für seine Erfindung das kaiserliche Privileg Nr. 1920, das ihm zwei Jahre Vorsprung in der Weiterentwicklung gab. Es dauerte immerhin 15 Jahre, bis dann in der Wiener Josefstadt erstmals bewegte Bilder im Rahmen einer Vorführung gezeigt wurden. Und erst 1895 präsentierten die Brüder Lumière in Paris den ersten echten Film.

Von Paris nach Wien
Von da an ging es schneller voran. Die Menschen begeisterten sich überall für die neue Technik. Auch in Wien, wo schon 1896 am Kohlmarkt das Wiener Stadt-Panoptikum seine Pforten öffnete und dem staunenden Publikum laufende Bilder lieferte. Die neuen Vorführungsstätten schossen aus dem Boden – vor allem im Prater und der Inneren Stadt. Und so wurden neue Regelungen beschlossen, die die Vorführenden verpflichtete, eine eigene Prüfung abzulegen. Aus den vielen temporären Kinosälen wurden in den kommenden Jahren immer mehr ausschließlich diesem Zweck gewidmete Filmtempel.

Rasches Wachstum
1906 waren es in Wien zwölf, drei Jahre später schon 74 K inos, die sich mittlerweile auf die ganze Stadt verteilten, und bis 1914 verdoppelte sich diese Zahl auf 150. Die neue Art der Freizeitgestaltung war damals hoch in Mode. Sie war für alle Bürgerinnen und Bürger aller
Schichten zugänglich. Und sowohl Arbeiter als auch die feine Gesellschaft fanden sie gleichermaßen faszinierend und unterhaltsam. Weil die Errichtung und der Betrieb eines Kinos eben lange Zeit keinen Auf lagen unterlag, waren die Örtlichkeiten oft sehr unterschiedlich: Vom Hinterhof- und Kellerkino über Ladenkinos und Wanderkinos bis hin zur eleganten Adaptierung vormaliger Theater- und Varietésäle gab es viele Varianten.

Blühendes Gartenbaukino
Auch die Geschichte eines bemerkenswerten Hauses begann an einem ungewöhnlichen Ort: 1919 wurde im damaligen Palais der k.u.k. Gartenbaugesellschaft in einem der Ausstellungsräume ein Kinosaal eingerichtet. Das Palais der Gartenbaugesellschaft war ein sehr ansehnlicher Ringstraßenbau im Stile der italienischen Renaissance, geplant vom Künstlerhausarchitekten August Weber. Unter anderem fand hier im Jahr 1911 die erste Wiener Kinoausstellung statt. Der sogenannte Blumensaal wurde dann für die Errichtung eines Kinosaales genutzt. Das Gartenbaukino wurde im Oktober 1919 eröffnet und war mit 639 Plätzen eines der ersten Großkinos der Stadt. Der Architekt und Bauherr Robert Kotas, der bereits 1950 mit dem Forum Kino für einen der wesentlichsten und größten Kinosäle der Stadt zeichnete, wurde 1954 mit der Umgestaltung des Kinosaals beauftragt. Das Kino erhielt – als erstes in Österreich – eine Breitbildleinwand im sogenannten Cinemascope-Format. 1959 wurde der Grund neu bebaut – nach vielen für Wien typischen städetbaulichen Konf likten. Bedingung für die neue Bebauung war die Errichtung eines Kinosaals. Das neue Gartenbaukino eröffnete feierlich im Dezember 1960 mit der Premiere von Stanley Kubricks „Spartacus“ in Anwesenheit von Hauptdarsteller Kirk Douglas. Es ist bis heute das größte Einsaal-Kino der Stadt und Haupt-Spielstätte des legendären Wiener Filmfestivals, der Viennale.

Aufschwung und Abstieg
Nach diesem kurzen Exkurs muss aber die Geschichte der Kinos noch zu Ende erzählt werden. Mit 222 Sälen war der Höhepunkt 1939 erreicht. Freilich auch, weil die Nationalsozialisten dieses Medium intensiv für Propaganda nutzten und entsprechend förderten. 1944 wurde ein Viertel aller Kinos durch Bomben zerstört. Kurz nach dem Krieg blühte das Phänomen Film durch viele internationale Produktionen wieder auf, und mit ihm auch die Lichtspielhäuser. Erst die vermehrte Verbreitung des Fernsehens sorgte ab den 1960er-Jahren für ein kontinuierliches Sterben der Kinos. In den 1980ern versuchte man – mehr oder weniger erfolglos –, durch mehrsaalige Kinocenter eine Trendwende zu erreichen. Heute gibt es in Wien noch 27 Kinos. Nur eines mehr als in Niederösterreich.

Begehrter Drehort Wien
Vielleicht liegt das auch daran, dass Wien zu schön ist, um die Zeit in dunklen Sälen zu verbringen. Das haben auch viele Filmproduzenten auf der ganzen Welt entdeckt. Sie nutzen die Stadt immer wieder als Kulisse für ihre Produktionen. Unterstützung erhalten sie dabei von einer ganz besonderen Einrichtung, die in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat: der Vienna Film Commission. Sie ist die zentrale Service- und Anlaufstelle für Dreharbeiten in Wien. Als
Einrichtung der Stadt Wien unterstützt sie nationale und internationale Filmproduktionen bei Dreharbeiten in Wien – für Filmprojekte jeder Art und Größe kostenlos. Die Vienna Film Commission koordiniert Kommunikationsabläufe zwischen der Stadtverwaltung und der Filmbranche, insbesondere bei der Erteilung von Drehgenehmigungen. Sie unterstützt bei der Suche nach geeigneten Motiven und Servicepartnern und betreibt auch Lobbying für Wien als internationalen Dreh- und Produktionsstandort. Ziel ist es, nachhaltige Effekte für die Filmbranche vor Ort zu erreichen. Denn derartige Produktionen wirken nicht nur nach außen, indem sie Bilder in die weite Welt tragen. Mit ihren riesigen Crews sind sie auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Wien.

Dem dritten Mann auf der Spur
Aber man muss kein Produzent sein, um in den Genuss einer speziellen Betreuung durch die Vienna Film Commission zu kommen. Sie bietet auch Locationtouren für internationale Gäste der Filmbranche an. Die Touren werden individuell nach den Wünschen und Interessen der Regisseurinnen und Regisseure, Locationscouts oder Drehbuchautorinnen und -autoren mit Bezug auf das jeweilige Projekt zusammengestellt und von den Guides von WienTourismus durchgeführt. Auch für andere Gäste werden in Wien jetzt viele Touren zu den verschiedenen Filmen angeboten. So kann man sich im Kanalnetz auf die Spuren des dritten Mannes begeben oder romantisch die Stationen von „Before Sunrise“ genießen.

Erfolgreiche Filmfestivals
Ähnlich wie die internationalen Produktionen tragen auch die vielen Filmfestivals sehr viel Positives zum Image Wiens als kulturell relevantem Treffpunkt der Szene bei. Die schon erwähnte Viennale ist das Flaggschiff einer Reihe von vielbeachteten Events, die sich in den vergangenen Jahren zunehmender Beachtung erfreuen. Auf der Seite des Österreichischen Filminstituts finden sich 33 derartige Festivals in Österreich, und 22 davon in Wien. Zum Beispiel das Vienna Shorts Film Festival, das sommerliche Opernevent am Rathausplatz, das internationale Kinderfilmfestival, das SLASH Filmfestival oder das identities QUEER FILM FESTIVAL. Die inhaltliche Bandbreite ist groß, ebenso wie der Enthusiasmus der Veranstalterinnen und Veranstalter. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Beweise. Eine Studie mit dem Titel „Filmfestival Report Österreich“ kommt zu dem Schluss, dass es sich gesamt betrachtet um eine Erfolgsstory handelt. Die Gründe dafür: stetig wachsende Popularität, eine steigende Anzahl an Filmen und Vorführungen, ein großer Anteil an europäischem und österreichischem Kino und hohe Wertschöpfungseffekte.

Wie jeder gute Film muss auch diese Reise durch das Wien der Kinos und der Filme jetzt zu einem Ende kommen. Angesichts der vielen kreativen Filmschaffenden, einer lebendigen Festivalszene und vielen innovativen Wegen ist es eines mit besten Aussichten. Fortsetzung folgt jeden Tag in einem Kino Ihrer Wahl.

Wer tiefer in die österreichische Filmlandschaft eintauchen möchte, dem legen wir den Podcast „Flip the Truck“ ans Herz. Die neueste Folge des Filmpodcasts dreht sich dabei um das SLASH Filmfestival:

 

Inspirationen

Kinderfilmfestival
Bereits zum 32. Mal findet von 14. bis 22. November das internationale Kinderfilmfestival in Wien statt. In vier Wiener Kinos werden viele spannende Werke für junge Kinofans und solche, die es werden wollen, gezeigt. Das genaue Programm steht ab Oktober fest.
www.kinderfilmfestival.at

Dritte Mann Museum
Neben der umfangreichen Sammlung an Originalexponaten über den 1948 in Wien gedrehten Filmklassiker „Der dritte Mann“ beschäftigt sich eine ausführliche Dokumentation mit dessen historischen Hintergrund und zeigt Originale aus der Besatzungszeit.
www.3mpc.net

Kino Welt Wien
Die neue Ausstellung im METRO Kinokulturhaus erzählt die Geschichte eines magischen Raumes, den Menschen betraten, um ihn verändert zu verlassen. Sammelkarten mit Kurzporträts wichtiger Betriebe von damals und heute laden Besucher dazu ein, persönliche Erinnerungen zu teilen.
www.filmarchiv.at

 

Foto: Wolfgang Breyer 1978

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