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Freundlichkeit kostet nichts:
Über das gute Leben in der Stadt

Von allen Menschen, die in unserer diesjährigen Gesprächsreihe zu Wort kommen, lebt er schon am längsten in Wien und kann auf die längste „vita activa“ zurückblicken. Kein Wunder, dass er viel Interessantes zu erzählen hat. Und so endet das Interview mit dem Architekten Rudolf Guttmann erst nach über zwei Stunden. In dieser Zeit erfahren wir, warum es schön ist, Architekt zu sein, wie sich der Beruf verändert hat, wie sich die ganze Stadt verändert hat, was er unter Lebensqualität versteht – und wie einfach sie im direkten Kontakt herzustellen ist … wenn man sich traut.

 

FAIRliving: Herr Guttmann, Sie haben vor Ihrem Namen den Titel Diplom-Ingenieur. Offenbar haben Sie etwas Technisches studiert?
Rudolf Guttmann: So ist es. Ich habe Architektur an der Wiener TU, damals noch Technische Hochschule, studiert und danach bei einem der größten Wiener Büros meine fünfjährige Praxis abgeleistet. Der Chef war ein sehr netter Mensch – und ich habe viel gelernt, was man auf der Hochschule nicht gehört hat. Aber das ist fast in jedem Beruf so.
Sie könnten in Pension gehen – aber offenbar ist es Ihnen ein Anliegen, weiterzuarbeiten?
Natürlich wird einerseits die Pension dadurch ein wenig höher – aber noch viel wichtiger ist, dass die Architektentätigkeit das ganze Leben bestimmt. Das Feuer oder die Leidenschaft für die Architektur vergeht nicht so leicht.
Arbeiten Sie weniger als früher?
Nein, im Gegenteil. Ich habe mein eigenes Büro und ein paar Mitarbeiter. Und eigentlich arbeite ich mehr als früher, weil sich die Aufgaben im Laufe der Jahre verkompliziert haben. Es gibt heute eine Unmenge von Vorschriften, mit denen sich Architekturbüros beschäftigen müssen – und die Ausbildung an den Universitäten, so scheint mir, beschäftigt sich mehr mit künstlerischen Themen und weniger mit dem Handwerk.
Finden Sie es befruchtend, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, oder ist es eher so, dass die Jungen von Ihrer Erfahrung profitieren?
Es gibt definitiv einen Austausch unter den Generationen. Wobei mein Beitrag sich hauptsächlich auf technische Dinge bezieht. Ich würde keine Sekunde zögern, eine gute Idee – egal von wem – zu akzeptieren. Was immer an Vorschlägen kommt, wird aufgenommen – und aus dem wird dann das Beste für das Projekt herausgepickt.
Wie ist das eigentlich mit der Erfahrung in der Arbeit, wenn man älter wird? Geht man dann mit Situationen gelassener oder ruhiger um?
Nicht wirklich. Nur die Situationen verändern sich mit dem Alter. Ich habe mein Büro jetzt vierzig Jahre. Natürlich weiß man viel mehr und man erkennt auch die Situation relativ genau. Als jüngerer Mensch probiert man Dinge einfach aus, das wird mit zunehmendem Alter schwieriger, weil natürlich auch der Aufwand größer wird. Früher hat man eine Handskizze mit dem Bleistift gemacht, dann eine Perspektivskizze. Heute sind total ausgearbeitete Computergrafiken das Maß aller Dinge. Aber man lernt immer dazu, das ist ganz klar. Man kann nicht stehenbleiben, denn dann bleibt man irgendwo in den späten 60er Jahren stehen.
Was ist das Schöne daran, Architekt zu sein?
Wirklich schön ist, das Bauwerk vom Beginn an selbst durchzuarbeiten und den Erfolg zu sehen, wenn das Haus errichtet werden kann und auch im geförderten Wohnbau errichtet werden kann. Es gefällt mir irrsinnig gut, wenn das Haus dann fertig ist – und man hört die Kommentare der Leute. Zum Beispiel Häuser, in denen sich auch nach Jahren die Leute wohlfühlen. Das ist eigentlich das Motiv von dem Ganzen. Das ist, was mich reizt.
Wo und wie wohnen Sie?
Ich wohne im 19. Bezirk. In einem ganz normalen 70er-Jahre-Haus, dort hab ich mein Büro und dort wohne ich auch.
Ist das weiter draußen im Grünen?
Nein, es liegt an der Döblinger Hauptstraße, also eigentlich im Zentrum von Döbling.
Wohnen Sie immer schon in Wien oder sind Sie zugezogen?
Nein, ich wohne schon immer in Wien. Ich bin vom 16. Bezirk dann 1953 in ein Wohnhaus der Stadt Wien in den 20. Bezirk gezogen, wo damals noch die russische Besatzungszone war. Das war am Engelsplatz, also direkt neben der Floridsdorfer Brücke.
Was mögen Sie an der Umgebung, in der sich Ihr Wohnhaus befindet?
Es liegt sehr günstig. Man ist in zehn Minuten bei der U-Bahn oder beim D-Wagen. Wenn ich zu entfernten Baustellen muss, dann nehme ich das Auto.
Haben Sie ein Lieblingscafé oder -Restaurant?
Na ja, im Ausland fällt es mir leichter, Restaurants zu nennen. In Wien komme ich fast nicht dazu, die Restaurants zu genießen – ein Zeitproblem. Schade ist außerdem, dass die typischen alten Wiener Lokale ganz selten geworden sind.
Nutzen Sie das kulturelle Angebot der Stadt regelmäßig?
Am öftesten bin ich in Galerien. Ab und zu gehe ich in die Oper – und ansonsten wird mir die Zeit zu knapp.
Gibt es in Wien ein Haus, in dem Sie gerne wohnen würden? Nehmen wir an, Geld spielt keine Rolle …
Gegen eine Topwohnung auf dem Haas-Haus würde ich mich nicht wehren. Das ist eine sehr praktische Lage mit wenig Verkehrsanforderungen – man geht zu Fuß, weil man gewissermaßen im Kern des Dorfes wohnt.
Haben Sie auch irgendein Lieblingsplätzchen?
Die ganze Innenstadt – und dann der 20. Bezirk, wo ich als Kind gewohnt habe. Da gibt es Orte, an denen man vorbeikommt und sagt: „Ah, das Café!“ In dem Fall das Kaffeehaus am Engelsplatz. Es ist nicht mein Lieblingscafé – aber früher war ich oft dort, wenn ich nicht in die Schule gegangen bin.
Was waren Ihrer Meinung nach die größten Umbrüche in der Stadt? Was hat sich am meisten verändert zu heute?
Oft hört man, dass Wien eine graue Stadt war – und jetzt ist alles so lebendig und pulsierend. Das stimmt auch. Wenn wir als Buben vom Engelsplatz zu Fuß in die Stadt gegangen sind – also etwa in die Kärntner Straße oder ins Kärntnerkino –, da ist man lange zu Fuß unterwegs gewesen und immer an einer Menge zerstörter Häuser vorbeigekommen. Auch das Nachbarhaus war eine Bombenruine – die haben wir eingeebnet und draus einen Fußballplatz gemacht, bis irgendwann in den 60er Jahren dort ein neues Haus gebaut wurde. Wenn man das Wien von damals und heute vergleicht, das ist wie Tag und Nacht. Damals, da hat es am Weg vom Engelsplatz bis zur Stephanskirche vielleicht ein Wirtshaus gegeben.
Finden Sie, dass die Lebensqualität in Wien zugenommen hat?
Ja, definitiv.
Wie definieren Sie Lebensqualität?
Ich definiere die Lebensqualität erstens mit der gastronomischen Versorgung, dann zweitens mit dem architektonischen Aufschwung, den Wien nach dem Krieg erlebt hat. Wien ist ja eine der wenigen internationalen Großstädte, die eine sehr gute Wohnversorgung im sozialen Bereich hat. Das gibt es auch in Holland oder in Frankfurt, Hamburg oder Berlin – aber nicht in dem Ausmaß wie in Wien.
Finden Sie, dass Wien eine Stadt ist, in der ältere Menschen gut leben können?
Es ist nicht so schlecht, weil viele ältere Menschen ganz gerne in der Umgebung bleiben wollen, die sie ein Leben lang bewohnen – und das geht in Wien. Ein Problem ist tatsächlich, wie man mit gebrechlichen Leuten umgeht. Die Mobilität ist ein so wesentlicher Punkt, wenn der nicht mehr gegeben ist, wird es schnell eng. Was wollen die Leute? Sie möchten einkaufen gehen und den Austausch mit anderen Menschen. Das können Sie ja selber ausprobieren. Gehen Sie zum Spar oder Billa und fangen Sie mit den Leuten zu reden an oder lachen Sie sie an. Und schwupp, schon beginnt ein Gespräch und die Leute erzählen Sachen oder wie es ihnen geht. Wichtig wäre also, ein bisschen mehr Kommunikation ins Spiel zu bringen. Es muss nicht jeder bös schauen, wenn er drei Eier kauft. Und man sieht es auch bei den Angestellten im Supermarkt. Dort, wo die mehr tun, als nur die Milch über den Scanner zu ziehen, entsteht eine ganz eine andere Stimmung. Das Schöne ist, dass das nichts kostet. Man muss ein gewisses Alter haben, um diese Schüchternheit zu überwinden. Ich bemerke oft, dass junge Menschen sich das nicht trauen.
Das ist ein interessanter Punkt mit dem Alter, dass man sich traut, freundlich zu sein.
Oder dass man sich traut, Menschen anzulächeln und zu sagen „Wie geht’s dir?“ oder „Hast du was gegessen?“ oder „Ist irgendwas?“. Ich habe das bei mir selber bemerkt, dass das erst mit zunehmendem Alter vollkommen lässig geht – ohne großes Nachdenken. Und das ist überhaupt nichts, de facto, aber es erzeugt eine angenehme Stimmung.
Was sind Sie eher für ein Typ? Einer, der in der Stadt das Urbane mag, oder einer, der in der Stadt eher das Grüne mag?
Ich tendiere da eher zu den Innenstädten, so wie z.B. in Florenz, wo sich kein einziger Baum befindet. Wenn sich Grünraum durch die Zeit in der Stadt selbst entwickelt hat oder ein Fluss durchfließt, dann find ich das eigentlich schön.
Wie kommen Sie am ehesten durch die Stadt – mit welchem Verkehrsmittel?
Ja, sicher auch mit dem Auto, weil mit dem Motorrad – so wie früher – ist es schwieriger, weil schon das Einparken mit dem 200 bis 300 Kilo schweren Motorrad gar nicht mehr so leicht geht. Ich habe früher mein Büro auf der Heiligenstädter Straße gehabt – und weil ich ein Rad-Liebhaber bin, bin ich dann über die Nordbrücke rausgefahren. Mein letztes Rad hatte eine elektrische Gangschaltung, das war ein fantastisches Ding! Nur von der Döblinger Hauptstraße ist es nicht sehr praktisch da hinüber zu kommen. Und außerdem muss man sagen: Man wird älter, auch wenn man es nicht glaubt.
Wenn Sie nicht in Wien leben würden, wo sonst möchten Sie leben? Jetzt sagen Sie wahrscheinlich Florenz …
Ja, natürlich, ich würde so wie jeder Italien- oder Kulturliebhaber in Florenz leben oder in Arezzo oder Perugia. Vielleicht nicht ganz in der Stadt, sondern auf einem kleinen Weingut …
Eine vollkommen normale Architektenantwort!

 

 

Tipps zum Thema:

IM GEMEINDEBAU
Das Museum im Waschsalon

Wer sich für den kommunalen Wohnbau, die Errichtung und Geschichte von Gemeindebauten und das Neue Wien der 1920er und 1930er Jahre interessiert, geht am besten … in den Gemeindebau. Und zwar in den wohl weltweit bekanntesten, den Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt. Denn dort befindet sich seit einiger Zeit in einem ehemaligen Waschsalon das gleichnamige Museum.

Museum im Waschsalon
Halteraugasse 7, Waschsalon Nr. 2, 1190 Wien
Öffnungszeiten:
Donnerstag 13.00–18.00 Uhr, Sonntag 12.00–16.00 Uhr
Gruppen nach Voranmeldung
Infos unter: 068014 15744 oder
www.dasrotewien-waschsalon.at

Bild: Ingo Pertramer


 

SCHAU, SCHAU!
a_schau – Österreichische Architektur im
20. und 21. Jahrhundert

Nur noch bis Ende des Jahres widmet sich die Dauerausstellung des Architekturzentrums Wien den letzten 150 Jahren Architekturschaffen in Österreich. Alle Konzepte, Strömungen und wichtigen Bauten können in der kompakten Schau nachvollzogen werden. Ganz egal, ob es ums Bauen in der Stadt oder ums Bauen auf den Bergen, in den Tälern oder den Flächenregionen Österreichs geht.

Az W – Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Infos unter: 01 522 31 15 oder
www.azw.at

 


 

CRASHKURS GUTE STIMMUNG
Wie man positiv auf andere Menschen wirkt

Freundlichkeit
Klar, freundlich zu sein ist der größte Sympathiefaktor. Es zahlt sich aber auch aus freundlich zu bleiben, wenn das Gegenüber etwas unfreundlich wird. So beweisen Sie Stärke und Gelassenheit.

Lächeln
Versuchen Sie im Gespräch mit anderen dann und wann zu lächeln – möglichst authentisch ;-)

Augenkontakt
Beim Sprechen den Augenkontakt mit dem Gegenüber zu suchen, wirkt sympathisch.
Bedeutet aber auch: unterbrechen, was man gerade tut – und Handy weg!

Aufmerksamkeit
Sich auf eine andere Person einzustellen zeugt von Empathie und erzeugt in Folge Sympathie. Wenden Sie sich der Person zu, hören Sie ihr aufmerksam zu und achten Sie auf die Körpersprache.

Mitgefühl
Nehmen Sie sich etwas Zeit für den anderen Menschen, sprechen Sie mit ihm und zeigen Sie ehrliche Anteilnahme. Die dafür aufgewendete Zeit und Energie erhalten Sie umgehend um ein Vielfaches retour. Ganz sicher!

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